The Coming of Age

Liebe Alle

(Zuallererst mal: oben kann man diesem Blog per Mail folgen. Mir ist die Sharerei auf Facebook etc. jetzt schon peinlich, damit höre ich wohl bald auf, und E-Mail scheint so schön geschmacksneutral. Also: do it!)

Zurück mit dem zweiten Installment, bei welchem ich mir erlaube, das gestern veröffentlichte Thema kurz ein wenig weiter zu treiben. Ich hab ja bereits erklärt, was die Gründe dafür waren, dass renne.ch plötzlich eingestellt und natürlich auch versilbert (ich hatte schon Influencermoney, als Ihr alle noch Dumphones hattet, hähä) wurde. Die Frage, die bleibt, ist doch die: warum geben wir jetzt, ausgerechnet jetzt, ein Comeback?

(Sidenote I: Wir. Pluralis Majestatis. Nie ohne mein Team (Hamburg, Berlin, West-Wien).)
(Sidenote II: Wer in den ersten Tagen irgendwelche Statements auf diesem Blog erwartet, die nicht direkt oder indirekt mit den Beweggründen für dieses Album oder diesen Blog zu tun haben, der soll sich mal sonstwohin und so weiter.)

Klar, der offensichtlichste Grund ist das Album, BOTOX FÜRS HERZ, das am 3.11. erscheint. Aber mal ehrlich: die Momente, in denen jemand mit dem Führen eines Blogs für seine Platte ausreichend Promo machen konnte, sind lange her (gab's die überhaupt mal?). Ohne hier die heutige Jugend zu unterschätzen (und wer so einen Satz schreibt, der sollte sich ja grundsätzlich sofort erschiessen, und zwar ohne Tränen, einfach weil es irgendwann auch mal reicht, Wasser in den Mund und Abdruck; wir haben hier viel zu strenge Waffengesetze), bin ich nicht sicher, wie viele der heute sogenannt RELEVANTEN Altersgruppen (man spricht ja auch von Zielgruppen, zumindest, wenn man fliessend Marketing kann) überhaupt noch lesen. Können die das noch? Wird das überhaupt noch unterrichtet? Sind daran auch die Syrer schuld? Und was passiert mit unseren Steuergeldern? Hat die AfD die Antwort, oder der Chrigel?

Danben aber (also neben dem Albumrelease): Die Bloggerei ist auch ein wenig Teil des Geists des Albums, und die Begründung ist relativ umschweifig (das wird ein üppig langer Post, aber wer die Zeit nicht hat, der nimmt sie sich nicht, und eben, der soll sich mal sonstwohin und so). Sie beginnt mit folgender Feststellung:

Für BOTOX FÜRS HERZ wird es sehr (sehr sehr sehr) wahrscheinlich kein Musikvideo geben.

Die Begründung:
Ich kann nur für mich sprechen, aber ich erlaube mir da nach 20+ Jahren mehr als intensiver Auseinandersetzung mit Musik ein entsprechendes Urteil und würde sagen, dass Musik insgesamt in den letzten Jahren erheblich unechter geworden ist, und dabei rede ich nicht vom musikalischen Inhalt oder von neuen Stilen, keineswegs. Ich sehe und höre jeden Tag neue Künstler aus dem Boden spriessen, und ich bin immer noch so interessiert an neuer (wie alter) Musik wie an Tag eins. Nach wie vor gilt: wer was zu bieten hat und mich irgendwie berührt, der wird gehört und gefeiert, egal ob 40-jähriger mit Bauch oder 19-jähriger mit skinny Shirt und Augen, als hätte er gerade eine ganze Apotheke getrunken. Nur, und das ist eben das entscheidende: mir geht es in meinem Konsumverhalten primär um Musik, und damit meine ich das reine Audioerlebnis. Wenn mich ein Künstler überzeugt, interessieren mich seine Videos nicht. Wenn mich ein Künstler nicht überzeugt, ist mir sein Video noch egaler als er. Mir ist bewusst, dass Visuals ein Promotool sind, sogar ein sehr wichtiges, und dass die visuelle Präsenz auf welchem Stinkkanal auch immer mindestens so viel wert ist wie ein verkauftes Album (okay, das war jetzt übertrieben), aber für mich als Konsument ist das relativ unwichtig. Ich folge insgesamt nicht mehr als vier oder fünf Musikern auf Instagram (und Bonez MC nur wegen Mathilda), Konzertpics finde ich inzwischen genau so langweilig wie Partypics, und allgemein gucke ich kaum Musiker, denn für Kunst zum Gucken gibt es Hollywood. Ich weiss nicht, woran das liegt, aber ich merke, dass mein Konsumverhalten im Bereich Musik relativ altbacken veranlagt ist: Wenn ich fühle, was ich höre, dann höre ich es (und gucke es nicht). Die visuelle Komponente spielt kaum eine Rolle. Nicht mal bei Ariana Grande. Bzw. ihrer Musik.

Dies gesagt, muss man aber wohl oder übel feststellen, dass in der Musik sämtliche Aspekte, die gerade NICHTS mit Musik zu tun haben, immer wichtiger werden. Es geht mehr um Darstellung, mehr um Visuals, mehr um Bühnenshows, mehr um Auftritt, kurz: es geht eben - im Vergleich zu früher - mehr um Äusserlichkeiten als um die absolute Essenz, nämlich die Musik. Sehr wahrscheinlich könnte hier ein wirklich intelligenter Soziologe direkt einhängen und in einem grösseren, ja direkt globalen Kontext erläutern, dass es nämlich im GESAMTEN LEBEN immer mehr um reine Aussendarstellung geht, und dass Kleider Leute machen und sowieso und das Internet als Fluch und ohne haptisches Erlebnis, wobei die Möglichkeiten ja schon doll sind und auch eine Chance und nicht nur Fluch, aber die Kinder müssen lernen damit umzugehen und so. Den Teil lassen wir im Rahmen dieses Posts mal weg, aber ich persönlich erlebe Musik heutzutage als (selbst-)darstellerischer als früher, und das ist in erster Linie eine Folge der Visualisierung. Nur darum ist auch jeder MC, der kaum einmal eine gerade Strophe aufs Papier bringt, mindestens so viel im Gym wie über dem Textbuch. Und fürs Texten braucht nun wirklich keiner Bizeps.

Wir sind uns einig: Visuals helfen beim Transport eines Bilds, eines Images, aber sie nehmen damit eben auch Fokus von der Musik weg, und Musik, zumindest für mich, sowohl als Konsument als auch als "Ausführender", ist nach wie vor das absolute Kernthema. Don't get me wrong, ich mag Videos, insbesondere dann, wenn sie gut und originell gemacht sind und einen gewissen Ausdruck mit sich bringen, aber als Konsument ertappe ich mich selten bis gar nie dabei, wie ich ein Musikvideo eines Künstlers gucke. Daneben sind Visuals aber nach wie vor auch relativ aufwändig. Sie erfordern Zeit, sie erfordern auch Geld, sie erfordern Ideen, sie erfordern eine Vergrösserung des Teams. Und da ich trotz all dem Erfolg, der raptechnisch seit Tag eins auf mich einprasselt (Danke SUISA) nach wie vor clevererweise meinen Dayjob nicht gekündigt habe, wird es dann irgendwann ein wenig mühsam, denn auch hier hat der Tag nur 24 Stunden, und Medellin in der Nase ist nach wie vor keine Option.

Nur: all das obenstehende ist vergleichsweise egal, ich war nie ein Realkeeper und hab auch nicht vor, einer zu werden. Ich feiere Bizepsrapper genau so sehr wie den stillen Intellektuellen und höre JBG3 genau gleich laut wie Trettmann (!!!!) oder Prinz Pi. Aber Videos, Visuals, Fotos etc., sie alle waren NIE der Grund, warum ich das hier alles mache. Ich wollte immer nur gut klingen und gut rappen können, nicht gute Videos machen. Wenn ich heute sehe, wie mein main man Davey6000 seine Instagram-Community bedient, dann staune ich und möchte das auch so können (bzw. vor allem möchte ich auch so eine Community haben), aber ich habe nur bedingt die Energie und den Ehrgeiz, das entsprechend zu lernen bzw. diese Community heranzubilden und mich bei 20-Jährigen, die mich sehr wahrscheinlich für eine Mischung aus Idiot und lustiger alter Onkel halten, mit Hashtags anzubiedern. Wenn es nach mir ginge, wäre ich ein Studiorapper mit (fettem) Arbeitsvertrag und müsste pro Monat einfach drei oder vier Songs liefern (alles Hits, versteht sich), der Rest interessiert mich einfach nicht so sehr wie Musik selber. Von mir aus, ganz ehrlich, könnte meine Musik auch gratis rauskommen, soweit meine Studiokosten reine Spesen wären und ich einfach meinen Lohn (den vom fetten Rap-Arbeitsvertrag, nicht den vom sonstigen Dayjob) erhalten würde, wäre ich wohl relativ zufrieden. Klar würde ich gerne auf Open Airs auftreten, keine Frage. Aber Visuals (und, ganz ehrlich, auch Bühnenauftritte) waren nie der Grund, warum ich irgendwann mal mit all diesem Blödsinn angefangen habe. Und da wir inzwischen nicht mehr zwanzig sind und eine Musikkarriere in der Schweiz ja auch bei maximalem #geläuft in einer WG endet, zollen wir doch einfach den eigenen Präferenzen Tribut. Darum gibt's für BOTOX MIT HERZ wohl kaum Musikvideos. Und darum wird eben - in Rückkehr zur Essenz, wir halten es pur und sind die Truth und so - wieder gebloggt. Weil irgendwas muss ich ja machen, sonst kann ich das Album auch gleich gar nicht rausbringen.

P.S.: Habt Ihr Euch schon mal überlegt, wie widersinnig es an sich ist, ein Cro-Video zu gucken?
P.P.S.: Ich will nicht ausschliessen, dass es Clips zum Album gibt, in denen die Herren Piment und Sulaya auf dem Rücksitz meines Privatkraftwagens sitzen und einen meiner Songs performen oder auch einfach stabil reingangstern, während der Song läuft. Das kann durchaus passieren. Aber das zählt ja nicht als Video. Ist mehr so eine Art bewegtes Partypic.








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